Hirschenepitaph

in der Hermannstädter Stadtpfarrkirche

Dem kleinen Gerhard M. und seiner
Freundin Eva J. beschrieben

Hirschlein mit der Grafenkrone
In dem zierlichen Geweih,
Springst vergnügt auf zarten Läufen
Zwischen Klee und Akelei.

Rennst mit deinem kecken Krönchen
Wider Wand und Marmelstein,
Ach die Jugend, ach die Tugend,
Können schwer beisammen sein!

Erste Liebe. Und der Wildling
Trägt beglückt den süßen Schwan,
Der ihn sanft am Zügel leitet
Auf der steilen Ruhmesbahn.

Mahnend aus der dunkeln Wolke
Reckt sich eine Vaterhand:
Eine Taube weist dem Kühnen
Und ein Szepter neues Land.

Über Lorbeer stürmt der starke,
Stolze, sieggekrönte Held,
Immer höher - immer enger
Wird dem Friedlosen die Welt.

Zwischen Disteln, zwischen Dornen,
Ohn Geweih und stolze Zier,
Lechzet nach der Himmelsspeise
Todesmatt das edle Tier.

Sieh, wen bringt man auf der Stange?
Traf es endlich, das Geschoß?
Rechts und links ein Bodenschütze:
Zwei Gerippe ernst und groß.

Adolf Meschendörfer, 1928


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Dokument: ../ge_mu/eptaph.htm, erstellt am 05.04.97, Autor: Udo-Jürgen Weber, letzte Änderung am 15.04.03 von Dirk Beckesch